Koffein – Legaler Weg zu Olympia-Gold?
Zusammenfassung: Ob der schnelle Espresso an der Bar in Milano oder die gezielte Supplementierung vor dem Startschuss: Koffein bleibt im Wintersport ein komplexe Phänomen an der Grenze zwischen legalem Support und ethischer Grauzone. Während die Wissenschaft die Vorteile bei Ausdauer und Konzentration belegt, zeigt der „Kälte-Faktor“, dass Physiologie unter Extrembedingungen eigenen Regeln folgt. Für die Athleten in Milano Cortina 2026 gilt: Am Ende ist Koffein kein Wundermittel, das fehlendes Training ersetzt, aber es kann in einem Sport, der in Millisekunden entschieden wird, das Zünglein an der Waage sein. Solange die WADA nur beobachtet, bleibt der Kaffee ein treuer, wenn auch komplexer Begleiter auf dem Weg zum Olymp.
In Milano und Cortina d’Ampezzo trifft sich die Weltspitze des Wintersports zu den Olympischen Winterspielen 2026. Und leider dürfte dort auch eine der Schattenseiten des Leistungssports wieder ein unrühmliche Rolle spielen: Das Doping
Eine interessante Frage dabei, gilt die Einnahme von Koffein schon als Doping? Verschmelzen gerade im Gastgeberland Italien, der spirituellen Heimat des Espressos, Genusskultur und sportliche Leistungsoptimierung auf besondere Weise?
Denn während wir unseren morgendlichen Kaffee einfach nur genießen, um in den Tag zu starten, ist Koffein für Profisportler ein hochkomplexes Thema. Es ist eine Gratwanderung zwischen legalem Vorteil und regulatorischem Risiko, geprägt von einer bewegten Geschichte und faszinierender Biologie unter Extrembedingungen.
Vom Verbot zum „Überwachungsobjekt“
Vor rund 20 Jahren stand Koffein noch auf der offiziellen Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Wer damals zu viel davon im Blut hatte, riskierte die Aberkennung seiner Medaille und eine Sperre. Die Substanz wurde als klassisches Stimulanz des zentralen Nervensystems eingestuft, das einen unfairen Vorteil verschafft. Erst im Jahr 2004 vollzog die WADA eine Kehrtwende und strich Koffein von der Liste der verbotenen Substanzen.
Die Dopingkontrolleure standen beim Thema Koffein unterandrem vor einem komplizierten Problem, für einen fairen Wettbewerb hätte für jeden Athleten ein individueller Grenzwert errechnet werden müssen. Denn die Art und Weise, wie ein Körper Koffein verarbeitet, ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Faktoren wie die Genetik, das Alter und die gewohnheitsmäßige Zufuhr führen dazu, dass ein Athlet nach zwei Tassen Kaffee einen kritischen Grenzwert überschreiten könnte, während ein anderer bei der gleichen Menge völlig unauffällig bliebe.
Heute ist Koffein zwar keine verbotene Substanz mehr, sie steht aber sozusagen noch unter Beobachtung. Zusammen mit anderen Substanzen im Grenzbereich beobachten die Verantwortlichen bei der WADA den aktuellen Stand der Medizin genau. Durchausmöglich also, dass Koffein irgendwann wieder auf die Liste der verbotenen Mittel kommt.
Warum Koffein im Schnee den entscheidenden Kick gibt
Denn das Koffein im menschlichen Organismus quasi, wie ein geschickter biologischer Hochstapler wirkt, steht für die Medizin außer Frage. In unserem Gehirn gibt es Rezeptoren für Adenosin – einen Botenstoff, der als eine Art Notbremse fungiert und uns signalisiert, wenn wir müde werden oder Energie sparen müssen. Koffein ist dem Adenosin strukturell so ähnlich, dass es diese Rezeptoren einfach besetzt. Unserem Körper wird nicht mehr signalisiert, dass es eigentlich Zeit für eine Pause oder etwas Schlaf ist. Wir fühlen uns allerdings nicht nur wacher, sondern auch unsere Konzentration wird gesteigert und – für Sportler besonders entscheidend – die subjektiv empfundene Anstrengung sinkt.

Wie sich das für einige Disziplinen bei den Winterspielen von Milano Cortina auswirken kann, haben wir hier kurz umrissen:
- Ausdauer (Skilanglauf & Biathlon): Athleten können höhere Intensitäten über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten. Koffein verbessert die Nutzung von Sauerstoff in den Muskeln und verzögert den Zeitpunkt, an dem die Erschöpfung einsetzt.
- Psychomotorik und Präzision (Skispringen & Slalom): In Sportarten, in denen Millisekunden über Sieg oder Niederlage entscheiden, verkürzt Koffein die Reaktionszeit. Es schärft die kognitive Wachsamkeit, was besonders bei rasanten Abfahrten oder der Konzentration am Schießstand im Biathlon kritisch ist.
- Metabolische Flexibilität: Koffein stimuliert die Freisetzung von Fettsäuren ins Blut. Dadurch kann der Körper Fett effektiver als Brennstoff nutzen und die kostbaren Kohlenhydratreserven (Glykogen) in den Muskeln für den entscheidenden Zielsprint aufsparen.
Der „Kälte-Faktor“: Wenn Frost die Wirkung bremst
Mit der Doping-Thematik hatten wir uns schon einem früheren Artikel einmal beschäftigt, doch damals standen die Sommerspiele vor der Tür. Beim Skisport, Rodeln oder Snowboarden in den Alpen herrschen allerdings komplett andere Temperaturen. Wie wirkt sich also die Kälte auf die Wirkung des Koffeins aus?
- Der Abstumpfungs-Effekt: Interessante Studien deuten darauf hin, dass die stimulierende Wirkung von Koffein bei starkem Frost (um die 4 Grad Celsius und darunter) schwächer ausfällt als in der Wärme. Es scheint, als sei der Körper durch den Kältestress bereits physiologisch so stark „alarmiert“, dass das Koffein kaum noch eine Schippe drauflegen kann. Sportler müssen daher im Training genau testen, ob ihr gewohntes Koffein-Protokoll in der Kälte überhaupt noch den gewünschten Effekt erzielt.
- Die Flüssigkeits-Falle und Kältediurese: In der trockenen, kalten Winterluft verlieren Athleten enorme Mengen an Flüssigkeit über die Atmung, verspüren aber gleichzeitig bis zu 40 Prozent weniger Durst. Koffein wirkt mild harntreibend. Zusammen mit der sogenannten „Kältediurese“ – dem Drang des Körpers, bei Kälte vermehrt Wasser auszuscheiden, um das Blutvolumen im Kern zu konzentrieren – steigt das Risiko einer Dehydration massiv an. Eine proaktive Trinkstrategie ist hier lebensnotwendig.
- Zitterschutz vs. Schießpräzision: Koffein kurbelt die Thermogenese (Wärmeproduktion) an, was theoretisch helfen kann, die Körperkerntemperatur stabil zu halten. Doch für Biathleten ist dies ein zweischneidiges Schwert: Eine zu hohe Dosis führt zu einem feinen Muskelzittern. Was im Langlauf egal ist, bedeutet am Schießstand das sichere Aus für jede Medaillenhoffnung.
Dopingfalle oder entscheidender Vorteil?
Das größte Risiko für die Athleten in Milano Cortina ist paradoxerweise nicht das Koffein selbst, sondern die Reinheit der Produkte. Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel und „Energy-Booster“ ist unübersichtlich. Nicht ohne Grund arbeiten gerade Leistungssportler mit Ernährungsberatern zusammen, die zumindest einen Überblick darüber haben, welche Getränke bedenkenlos getrunken werden können und bei welchen Probleme bei der nächsten Dopingkontrolle vorprogrammiert sind.
Der morgendliche Espresso an der Kaffeebar des Teamhotels dürfte für die Athleten aber keine Gefahr darstellen. Dem Kaffeegenuss steht also nichts im Wege. Auf der anderen Seite könnte die Legalität aber auch Athleten dazu verführen, Koffein ganz gezielt in bestimmten Bereichen zur Leistungsförderung einzusetzen. Im Vergleich zu den mit illegalen Dopingmitteln erreichbaren Leistungen, bleibt das Koffein zwar eindeutig zurück, aber in der entscheidenden Sekunde hellwach zu sein kann am Ende der entscheidende Faktor zur Gold-Medaille sein.
Hinweis: Bilder teilweise KI generiert



